Biosensoren und Schnelltests

Lateral-Flow-Schnelltest: So funktioniert das Prinzip

Vom Probenpolster bis zur Kontrolllinie: wie ein Teststreifen in wenigen Minuten ein sichtbares Ergebnis liefert und wo seine Grenzen liegen.

Hinweis: Diese Seite beschreibt Forschung und Technik in allgemeiner Form. Sie gibt keine Behandlungsempfehlung und ersetzt keine ärztliche Beratung. Fragen zur eigenen Gesundheit, zu Tests oder Therapien klären Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Ein Lateral-Flow-Schnelltest funktioniert wie eine winzige Chromatografie auf Papier: Die Probe fließt durch Kapillarkräfte seitlich über einen Teststreifen, nimmt dabei farbige, mit Antikörpern beladene Nanopartikel mit und passiert eine Testlinie und eine Kontrolllinie. Ist das gesuchte Molekül in der Probe, bleiben die Partikel an der Testlinie hängen und färben sie sichtbar. Das Prinzip steckt in Schwangerschaftstests ebenso wie in Antigen-Schnelltests auf Infektionserreger, Drogentests und Lebensmitteltests.

Der Aufbau eines Teststreifens

Ein Lateral-Flow-Test besteht aus mehreren überlappenden Materialien, die auf eine Trägerkarte geklebt und meist in ein Kunststoffgehäuse eingesetzt sind. Jedes Bauteil hat eine eigene Aufgabe:

Bauteil Material Aufgabe
Probenpolster Cellulose oder Glasfaser nimmt die Probe auf, filtert grobe Bestandteile, gleicht pH-Wert und Salzgehalt über eingetrocknete Puffer an
Konjugatpad Glasfaser oder Polyester enthält getrocknete Nanopartikel mit Antikörpern, die sich beim Kontakt mit der Probe lösen
Nitrocellulosemembran Nitrocellulose Transportstrecke mit aufgesprühter Testlinie und Kontrolllinie
Saugpolster Cellulose zieht die Flüssigkeit an und hält den Fluss in Gang
Trägerkarte und Gehäuse Kunststoff geben Halt, schützen den Streifen und markieren Probenfenster und Ablesebereich

Die Nitrocellulosemembran ist das Herzstück. Ihre Porengröße bestimmt, wie schnell die Probe fließt, und damit, wie viel Zeit die Moleküle zum Binden haben. Auf die Membran werden in schmalen Linien Antikörper oder andere Bindemoleküle aufgebracht, die dort fest haften.

Die Signalgeber: farbige Nanopartikel

Damit eine Bindung mit bloßem Auge sichtbar wird, braucht der Test einen Signalgeber. In den meisten Tests sind das Gold-Nanopartikel mit 20 bis 40 Nanometern Durchmesser. Sie sind durch ihre Plasmonresonanz intensiv rot gefärbt, stabil und lassen sich gut mit Antikörpern koppeln. Warum das so ist, erklärt der Artikel Gold-Nanopartikel: Eigenschaften und Anwendungen in der Diagnostik.

Alternativ werden gefärbte Latexpartikel verwendet, die zum Beispiel blaue Linien erzeugen, oder Fluoreszenzpartikel und Lanthanoid-Chelate, die ein Lesegerät auswertet. Die Verbindung von Partikel und Antikörper, das Konjugat, ist einer der empfindlichsten Schritte der Testentwicklung. Die Grundlagen dazu beschreibt die Seite Biokonjugation.

Ablauf Schritt für Schritt

  1. Probe auftragen: Speichel, Abstrichflüssigkeit, Urin, Blut oder ein Extrakt wird in das Probenfenster gegeben, meist zusammen mit einem Puffer.
  2. Konjugat lösen: Die Flüssigkeit erreicht das Konjugatpad und löst die getrockneten Partikel. Ist der gesuchte Stoff vorhanden, bindet er an die Antikörper auf den Partikeln.
  3. Wanderung über die Membran: Probe und Partikel fließen gemeinsam über die Nitrocellulose.
  4. Testlinie: Hier sitzen fest gebundene Fängermoleküle. Je nach Testformat halten sie Partikel fest oder nicht.
  5. Kontrolllinie: Weiter hinten fangen Antikörper die überschüssigen Partikel ab, unabhängig vom Zielmolekül.
  6. Ablesen: Nach der vorgegebenen Zeit, oft zwischen 10 und 20 Minuten, wird das Linienmuster ausgewertet.

Sandwich-Format und kompetitives Format

Je nach Größe des gesuchten Moleküls arbeiten Teststreifen nach zwei grundlegend unterschiedlichen Prinzipien.

Sandwich-Format

Für größere Moleküle wie Proteine, Hormone oder Virusbestandteile, die mindestens zwei Bindestellen haben. Ein Antikörper sitzt auf dem Partikel, ein zweiter ist an der Testlinie fixiert. Das Zielmolekül verbindet beide wie die Füllung eines Sandwichs. Eine Linie bedeutet positiv. Je mehr Zielmolekül, desto kräftiger die Linie.

Kompetitives Format

Für kleine Moleküle wie Arzneistoffe, Drogen, Antibiotikarückstände oder Schimmelpilzgifte, an die nicht gleichzeitig zwei Antikörper binden können. An der Testlinie sitzt das Zielmolekül selbst, gekoppelt an ein Trägerprotein. Ist kein Zielmolekül in der Probe, binden die Partikel dort und erzeugen eine Linie. Ist es vorhanden, besetzt es die Antikörper auf den Partikeln, und sie können an der Testlinie nicht mehr binden. Fehlt die Linie, ist der Test positiv.

Merkmal Sandwich-Format Kompetitives Format
Geeignet für große Moleküle mit zwei Bindestellen kleine Moleküle
Fängermolekül an der Testlinie zweiter Antikörper Zielmolekül, an Trägerprotein gekoppelt
Positives Ergebnis Testlinie erscheint Testlinie fehlt oder ist schwächer
Typische Beispiele Schwangerschaftstest, Antigentests auf Erreger Drogentests, Rückstandstests in Lebensmitteln

Daneben gibt es Tests, die Nukleinsäuren nach einer vorgeschalteten Vervielfältigung auf einem Teststreifen sichtbar machen, etwa in der CRISPR-Diagnostik. Das Streifenprinzip bleibt dabei gleich, nur die Erkennung erfolgt über markierte Erbgutstücke statt über Antigene.

Warum die Flussgeschwindigkeit so wichtig ist

Anders als im Labor gibt es auf dem Streifen keine Inkubationszeit, in der Antikörper und Zielmolekül in Ruhe binden können. Die Bindung muss in den Sekunden geschehen, in denen die Probe an der Testlinie vorbeifließt. Fließt die Probe zu schnell, werden zu wenige Partikel gefangen, fließt sie zu langsam, dauert der Test lange und der Hintergrund nimmt zu. Hersteller stimmen deshalb Membran, Puffer und Partikelmenge sorgfältig aufeinander ab.

Die Rolle der Kontrolllinie

An der Kontrolllinie sitzen Antikörper, die die Antikörper auf den Partikeln selbst erkennen, zum Beispiel Antikörper gegen Maus-Antikörper. Sie fangen alle Partikel ab, die die Testlinie passiert haben. Erscheint die Kontrolllinie, ist belegt, dass Flüssigkeit über den ganzen Streifen geflossen ist und das Konjugat funktioniert. Fehlt sie, ist der Test ungültig, auch wenn eine Testlinie sichtbar ist.

Typische Fehlerquellen

  • Zu frühes oder zu spätes Ablesen: Vor Ablauf der Zeit ist die Reaktion unvollständig, danach können durch Verdunstung schwache Schatten entstehen.
  • Falsche Probenmenge: Zu wenig Flüssigkeit erreicht die Linien nicht, zu viel überschwemmt den Streifen.
  • High-Dose-Hook-Effekt: Bei sehr hohen Konzentrationen im Sandwich-Format sättigen freie Zielmoleküle sowohl die Partikel als auch die Testlinie getrennt voneinander. Die Linie wird dann paradoxerweise schwächer.
  • Kreuzreaktionen: Antikörper erkennen ähnliche Moleküle mit und erzeugen falsch positive Linien.
  • Lagerung: Hitze und Feuchtigkeit schädigen das getrocknete Konjugat. Deshalb sind Tests einzeln mit Trockenmittel verpackt.
Wichtig

Ein Schnelltest ist eine Momentaufnahme mit begrenzter Empfindlichkeit. Ein negatives Ergebnis schließt einen Befund nicht sicher aus, ein positives sollte bei medizinischen Fragen ärztlich abgeklärt werden. Maßgeblich für Durchführung und Auswertung ist immer die Gebrauchsanweisung des jeweiligen Tests.

Stärken und Grenzen im Vergleich

Lateral-Flow-Tests sind billig, schnell, ohne Gerät ablesbar und lange lagerfähig. Darin liegt ihre Stärke in der Point-of-Care-Diagnostik und bei Selbsttests. Ihre Schwächen liegen in der Empfindlichkeit und der Quantifizierung: Das Auge unterscheidet Linienstärken nur grob, und ohne Verstärkungsschritt werden sehr niedrige Konzentrationen nicht erfasst. Laborverfahren wie der ELISA erreichen durch eine Enzymreaktion deutlich niedrigere Nachweisgrenzen und liefern genaue Messwerte.

Die Entwicklung geht deshalb in drei Richtungen: empfindlichere Signalgeber wie Fluoreszenzpartikel, Lesegeräte und Smartphone-Kameras für eine objektive Auswertung sowie Multiplex-Streifen mit mehreren Testlinien für verschiedene Zielmoleküle auf einem Streifen.

Was Sensitivität und Spezifität bedeuten

Die Qualität eines Schnelltests wird meist mit zwei Kennzahlen beschrieben, die in Gebrauchsanweisungen und Studien auftauchen:

  • Sensitivität: Anteil der tatsächlich positiven Proben, die der Test als positiv erkennt. Eine niedrige Sensitivität bedeutet viele falsch negative Ergebnisse.
  • Spezifität: Anteil der tatsächlich negativen Proben, die der Test als negativ erkennt. Eine niedrige Spezifität bedeutet viele falsch positive Ergebnisse.

Beide Werte werden im Vergleich zu einem Referenzverfahren bestimmt, bei Infektionen häufig der PCR. Sie hängen auch davon ab, wann und bei wem getestet wird: Ein Antigentest erkennt eine Infektion mit hoher Erregermenge zuverlässiger als eine sehr frühe oder abklingende. Wie aussagekräftig ein einzelnes Ergebnis ist, hängt außerdem davon ab, wie häufig der gesuchte Zustand in der getesteten Gruppe vorkommt.

Regulierung

Schnelltests mit medizinischer Zweckbestimmung sind in der EU In-vitro-Diagnostika und fallen unter die Verordnung (EU) 2017/746. Tests zur Eigenanwendung durch Laien unterliegen dabei besonderen Anforderungen an Gebrauchstauglichkeit und Kennzeichnung. Tests für Lebensmittel, Umwelt oder Forschung fallen nicht unter diese Verordnung. Mehr zur Einordnung von Sensoren und Schnelltests finden Sie auf der Übersichtsseite Biosensoren und Schnelltests, die immunologischen Grundlagen der Antikörperbindung erklärt die Seite Nanotechnologie und Immunologie.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Warum muss die Kontrolllinie immer erscheinen?
Die Kontrolllinie zeigt, dass die Probe bis zum Ende des Streifens geflossen ist und die markierten Partikel funktionieren. Erscheint sie nicht, ist das Ergebnis ungültig, unabhängig davon, ob eine Testlinie zu sehen ist. Der Test sollte dann mit einem neuen Streifen wiederholt werden.
Zählt auch eine sehr schwache Testlinie?
Bei den meisten Tests im Sandwich-Format gilt jede erkennbare Testlinie innerhalb der vorgegebenen Ablesezeit als positiv, auch wenn sie blass ist. Maßgeblich ist immer die Gebrauchsanweisung des jeweiligen Tests. Linien, die erst nach Ablauf der Ablesezeit erscheinen, sind nicht aussagekräftig.
Warum sind Schnelltests weniger empfindlich als Labortests?
Ein Teststreifen arbeitet ohne Verstärkungsschritt: Sichtbar wird nur, was genug Partikel an der Testlinie sammelt. Laborverfahren wie der ELISA vervielfachen das Signal über eine Enzymreaktion, die PCR vervielfältigt sogar das Erbgut selbst. Schnelltests erkennen deshalb erst höhere Konzentrationen, liefern dafür aber in Minuten und ohne Gerät ein Ergebnis.
Was ist der Unterschied zwischen Antigen- und Antikörper-Schnelltest?
Ein Antigentest weist Bestandteile eines Erregers oder ein bestimmtes Molekül direkt in der Probe nach. Ein Antikörpertest sucht dagegen nach Antikörpern, die der Körper als Reaktion gebildet hat, und zeigt damit eher einen zurückliegenden Kontakt an. Beide nutzen dasselbe Streifenprinzip, nur mit vertauschten Rollen von Antigen und Antikörper.

Quellen und weiterführende Stellen

  1. Geertruida A. Posthuma-Trumpie, Jakob Korf, Aart van Amerongen: Lateral flow (immuno)assay: its strengths, weaknesses, opportunities and threats. A literature survey. Analytical and Bioanalytical Chemistry, 2009.
  2. Katarzyna M. Koczula, Andrea Gallotta: Lateral flow assays. Essays in Biochemistry, 2016.
  3. Verordnung (EU) 2017/746 über In-vitro-Diagnostika (IVDR).

Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion NanoImmunoTech.